Offener Brief von Eltern getöteter Schülerinnen
http://www.winnender-zeitung.de/indexWI.php?&kat=347&artikel=82
Winnenden, 21.03.2009.
Auf der Titelseite der Winnender Zeitung vom Samstag erscheint ein offener Brief
der Familien von fünf getöteten Schülerinnen. Hier der Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Bundespräsident Köhler,
sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Oettinger,
die Trauer und die Verzweiflung nach dem Verlust geliebter Kinder, Frauen und Männer
sind noch überall gegenwärtig. Insbesondere bei uns, den Angehörigen. Der
Gedanke, warum es ausgerechnet unsere Liebsten getroffen hat, und wie es überhaupt
zu dieser Tat kommen konnte, wird uns unser Leben lang begleiten. In unserem
Schmerz, in unserer Hilflosigkeit und in unserer Wut wollen wir aber nicht untätig
bleiben. Deshalb wenden wir - die Familien von fünf getöteten Schülerinnen
– uns an die Öffentlichkeit.
Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann.
Schusswaffen und Sport
Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Die
derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen
Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Bedenkt man, dass ein junger Mensch
gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig
im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich.
Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob der Schießsport nicht gänzlich
auf großkalibrige Waffen verzichten kann. Bis in die achtziger Jahre hinein genügten
unseres Wissens nach den Sportschützen kleinkalibrige Waffen. Bis heute sind
die olympischen Wettkämpfe auf Luftdruck- und Kleinkaliberwaffen beschränkt.
Sollte aus Gründen, die wir nicht kennen, der Verzicht auf großkalibrige
Waffen nicht möglich sein, so muss die Schusskapazität verringert werden. Bei
der Jagd sind die Magazine der automatischen Waffen auf maximal 2 Schuss
begrenzt. Warum nicht auch beim Sport? Der Gesetzgeber hat die Vergabe von
Waffenbesitzkarten und die daraus entstehenden Verpflichtungen, wie z. B. die
Aufbewahrung von Waffen und Munition, vollständig geregelt. Die zu erwartenden
Strafen bei Verstoß gegen die entsprechenden Gesetze erfüllen aber nicht ihren
Zweck. Eine Ordnungswidrigkeit wird eher wie ein Kavaliersdelikt betrachtet. Der
Gesetzgeber muss Verstöße gegen das geltende Waffenrecht deutlicher und stärker
ahnden.
Medien: Fernsehen
Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. Das Fernsehen, als noch wichtigste
Informations- und Unterhaltungsplattform, hat einen sehr großen Einfluss auf
die Denk- und Gefühlswelt unserer Mitbürger. Das Fernsehen setzt heute die
ethischen und moralischen Standards. Wenn wir es zulassen, dass unseren Mitbürgern
weiterhin täglich Mord und Totschlag serviert werden, ist abzusehen, dass die
Realität langsam, aber stetig dem Medienvorbild folgen wird. Von den Sendern
muss verlangt werden, dass sie ein ausgewogenes Programm anbieten und die
Zurschaustellung von Gewalt reduziert wird. Eine „Gewaltquote“, der Anteil
von Sendungen mit Gewalt in Relation zur Gesamtsendezeit pro Sender,
sollte eingeführt werden. Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche
fernsehen, sollten generell gewaltfrei sein.
Medien: Computerspiele
Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Spiele, ob über Internet oder
auf dem PC, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, gehören
verboten. Gleiches gilt für alle Gewalt verherrlichenden Spiele, deren Aufbau
und Darstellung sehr realistisch sind und bei denen viel Blut fließt.
Medien: Chatrooms und Foren
Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet. In der virtuellen Welt werden heute
anonym und gefahrlos Gedankengänge artikuliert und diskutiert, die eine
Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellen. Wie diese Aktivitäten eingedämmt
werden können, wissen wir nicht. Es darf aber nicht sein, dass sich junge
Menschen anonym gegenseitig aufhetzen und zu Gewalteskalationen auffordern.
Berichte über Gewalttaten
Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder
nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass
die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist,
zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir
Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige
Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge. Bei
Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den
Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von
Nachahmungstaten.
Aufarbeitung der Vorgänge in Winnenden und Wendlingen
Wir wollen, dass die Tat aufgeklärt und aufgearbeitet wird. Das Warum der Tat
wird sicher nie vollständig geklärt werden können. Wichtiger für die Angehörigen
und unser aller Zukunft ist die Frage: Wie konnte es geschehen? Wir wollen
wissen, an welchen Stellen unsere ethisch-moralischen und gesetzlichen
Sicherungen versagt haben. Dazu gehören auch das Aufzeigen der persönlichen
Verantwortung und die daraus folgenden – auch juristischen - Konsequenzen.
Familie Kleisch
Familie Marx
Familie Minasenko
Familie Nalepa
Familie Schober
Familie Schweitzer