Verein Förderung der Filmkultur e.V.
Höchstadt,
den 05.02.2009
Offenes
Schreiben
an Schulleitung, Elternbeirat, Freundeskreis und SMV des Höchstadter Gymnasiums
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Schülerinnen und Schüler,
wir haben erfahren, daß sich am Gymnasium Höchstadt Schüler in Listen eintragen können, um unter Anleitung von Jugendoffizieren der Bundeswehr das „Planspiel“ POLIS für „Neue“ in Schloß Banz (parteinahe Stiftung), für „Erfahrene“ in der Kulturfabrik durchzuführen. Diese Einflußnahme des Miltärs auf Schülerköpfe, ein Stück mehr Militarisierung des Alltags, beschäftigt uns hinsichtlich der tatsächlichen Ziele dieser Armeeangehörigen, Berufssoldaten, eingebunden in ein hierarchisches System aus Befehl und Gehorsam.
Von wo nach wo sollen Jugendliche von Vertretern einer Organisation, die zunehmend im Zwielicht zu stehen scheint, geistig-emotional bewegt werden? Deshalb sehen wir uns veranlaßt, hierzu Stellung zu nehmen und eine Debatte zur Sache anzuregen. Wenn wir unser Jahresmotto „Höchstadt bekennt sich zum Frieden“ ernst nehmen, erscheint uns die Verbindung Militär und Schule mehr als fehl am Platze. Es bleibt der Eindruck bestehen, daß mit solchen „Spielaktionen“ sowohl künftige Nachwuchs-Kriegsplaner als auch das dazugehörige „Kanonenfutter“ für weitere Interventions– und Besatzungsaufgaben längerfristig rekrutiert werden sollen. POL&IS scheint eine getarnte Veranstaltung für solche weitergehenden Rekrutierungziele zu sein, d.h. es könnte auch dazu dienen, um hierfür Persönlichkeitsprofile und Daten abzugreifen (Vgl. „Lagebild der Jugend“).
Höchstadt ist der Bewegung der „Bürgermeister für den Frieden“ beigetreten und damit sind für uns Maßstäbe für die Aufarbeitung und persönliche Stellungnahme zu Menschenrechten und Völkerrecht gesetzt. Deutschland setzt auch weiterhin auf die „atomare Teilhabe“ und auf weltweite Kampfeinsätze, die die Mehrheit der Bevölkerung zu recht ablehnt! Hinzu kommt, daß die alltägliche, unerträgliche Mediengewalt die Seelen von Kindern und Jugendlichen vergiftet. Wozu also mit Strategiespielen trainieren, die auf eine Weltlage - geprägt von Macht, strategischen Allianzen und Feindbildern – aufzusetzen scheinen?
Wir haben beispielsweise die bewährten und
mit viel Herzblut gepflegten Städtepartnerschaften zur Völkerverständigung
und in den Vereinen wird jungen Menschen auf Basis unserer christlich-aufklärerischen
Kulturtradition ehrenamtliches Engagement gepflegt. Warum nicht das weiterhin
zum Schwerpunkt unserer Friedensbemühungen machen, als erwachsene Vorbilder
gemeinsam wieder zu einem echten Anti-Gewaltkonsens finden, das Motto „fair
teilen“ lebbar machen: „Gerechtigkeit, Teilen, Bewahrung der Schöpfung –
denn es ist genug für alle da.“ Das Motto könnte dabei lauten „Entdecke
das humanitäre Völkerrecht“, so das gleichnamige Unterrichtsmaterial vom
Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, Genf. Das Jugendrotkreuz in
Deutschland, der Schweiz, Luxemburg und Österreich hat gemeinsam das Programm für
Jugendliche herausgebracht, um vor dem Erfahrungshintergrund von Jugendlichen
ein „Verständnis für humanitäre Problematiken in Zeiten von Konflikten zu
entwickeln“ (z.B. Würde des Menschen, Mittel der Kriegsführung,
Feindbilder). Wir erachten eine solche Fundierung und Orientierung in der
Friedensarbeit für tragfähig und zukunftsweisend („Entdecke das humanitäre
Völkerecht“ IKRK Genf, Unterrichtsmodelle für Jugendliche).
Wir schließen uns der Botschaft von Papst Bendikt XVI. zum Friedenstag 2009 an: Die Armut bekämpfen den Frieden schaffen, in der er u.a. ausführt:
„Das augenblickliche Niveau der weltweiten militärischen Ausgaben ist besorgniserregend. Wie ich bereits betont habe, geschieht es, daß »die enormen materiellen und menschlichen Ressourcen, die in die militärischen Ausgaben und in die Rüstung einfließen, ... den Entwicklungsprojekten der Völker, besonders der ärmsten und hilfsbedürftigsten, entzogen [werden]. Und das verstößt gegen die Charta der Vereinten Nationen, die die internationale Gemeinschaft und insbesondere die Staaten verpflichtet, ,,die Herstellung und Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit so zu fördern, daß von den menschlichen und wirtschaftlichen Hilfsquellen der Welt möglichst wenig für Rüstungszwecke abgezweigt wird" (Art. 26) ... Darum sind die Staaten dazu aufgefordert, ernsthaft über die tieferen Gründe der häufig durch Ungerechtigkeit entzündeten Konflikte nachzudenken und ihnen durch eine mutige Selbstkritik abzuhelfen. Wenn eine Verbesserung der Beziehungen erreicht wird, müßte das eine Reduzierung der Rüstungsausgaben gestatten. Die eingesparten Geldmittel können dann für Entwicklungsprojekte zugunsten der ärmsten und am meisten notleidenden Menschen und Völker bestimmt werden: Ein großzügiges Engagement in diesem Sinne ist ein Engagement für den Frieden innerhalb der Menschheitsfamilie.“
Wir laden Sie und
auch interessierte Schüler herzlich ein: Nicht nur wer bereits POLIS gespielt
hat, sollte Gelegenheit haben, mit kritischen Stimmen aus der Bundeswehr zu
sprechen, die als Privatleute gerne - auch zu einem Unterrichtsgespräch -
kommen:
„Im September 1983 beschlossen 20 Offiziere und
Unteroffiziere der Bundeswehr (Bw) bei ihrem ersten Treffen im Darmstadt einen
friedenspolitischen Aufruf: ‚das DARMSTÄDTER SIGNAL’. Sie wandten
sich nicht nur gegen die ‚Nach’-Rüstung mit Atomraketen in West- und
Ost-Europa, sondern forderten eine kleinere, nicht angriffsfähige Bundeswehr
und den Abbau aller Massenvernichtungsmittel von deutschem Boden und weltweit. Für
Soldaten der Bw [Bundeswehr] sollte das ‚Leitbild vom Staatsbürger in
Uniform’ endlich verwirklicht werden. Bis heute ist der Ak DS das einzige
kritische Sprachrohr von ehemaligen und aktiven Offizieren und Unteroffizieren
der Bundeswehr.“[1]
Denkbar wäre in diesem Zusammenhang auch ein Gesprächsforum mit
Filmausschnitten bei uns im Aischtaler Filmtheater zum Thema „Deutschlands
Kriege der Gegenwart und das Völkerrecht – Lehren aus den Nürnberger
Prinzipien“.
Eine ehrliche Diskussion zu all diesen Fragen gerade mit Jugendlichen könnte auf einem Podium stattfinden, auf dem neben einem Jugendoffizier auch ein Kriegsgegner, sowie ein Vertreter beispielsweise des Darmstädter Signals und ein Vertreter des Munich American Peace Committee (MAPC) sitzen, damit Jugendliche auch einmal etwas vom anderen Amerika erfahren.
In den Anlagen übersenden wir Ihnen sowohl unsere ausführliche Stellungnahme sowie diverse Artikel zum Thema.
Ihren Stellungnahmen sehen wir mit Interesse entgegen.
Mit freundlichen Grüßen
Alle
Unterlagen könne Sie auf Wunsch auch gerne elektronisch zugesendet bekommen.
[1] http://www.darmstaedter-signal.de/archiv.php