Aischtaler
Filmtheater
lud
ein zum Bürgergespräch
Fachärzte
schlagen Alarm
Bedrohung
des sozialen Friedens
Niedergelassene
Facharztpraxen vor dem Aus?
„Seit
1. Januar 2009 ist eine erneute
Gesundheitsreform eingeführt. Diese führt nun nachweislich durch eine Vergütung in Euro und nicht in der
ehemaligen „Muschelwährung“ („Punkte“ ohne Bezug zum Euro Wert) zum Ruin
der Fach- und auch Hausärzte“ (Dr. Willauschus).
Fachleute kamen zum Bürgergespräch:
Dr. Willauschus vom
Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie Oberfranken (BVOU),
sowie Facharztkollegen und Apotheker.
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Dr. Hans-Ulrich Neglein, Handchirurg, Forchheim Dr. Wolfgang Willauschus, Orthopäde, Bezirksvorsitzender des BVOU Oberfranken Werner Schramm, Aischtaler Fiilmtheater Dr. Eike Schuster, Orthopäde, Forchheim Stefan Grunert, Urologe, Herzogenaurach Dr. Peter Schmied, Internist, Regionaler Vorstandsbeauftragter, Kassenärztliche Vereinigung Bayerns Dr. Margarete Schmitt, Radiologin, Höchstadt |
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„Wir Bürger haben es satt, als bloße Kostenfaktoren angesehen zu werden“
Im Aischtaler Filmtheater konnten Fachärzte und Bürger miteinander das Zauberwort der
„Integrierten Versorgung“ im Gesundheitswesen diskutieren. Wenn es so weitergeht, werden
Facharztpraxen in absehbarer Zeit schließen müssen. Wenn dabei alle Fachärzte in Bayern nur eine
Helferin entlassen, haben wir 10.000 Arbeitslose mehr. In einem per Video eingespielten Vortrag
macht Prof. Lauterbach die Position der Bundesregierung konzeptionell deutlich: Der
Gesundheitsmarkt werde immer enger und die Facharztpraxen der 45-55-jährigen Ärzte
(„Leistungserbringer“) seien in der Regel verschuldet. Sie wissen, daß sie ihre Praxen in 10-15
Jahren nicht mehr gut verkaufen können. Folglich sei dadurch die Bereitschaft höher, sich in eines
der neu einzurichtenden „Medizinischen Versorgungszentrum“ (MVZ) zu integrieren. Dr.
Willauschus malte für Höchstadt folgendes durchaus nachvollziehbare Szenario: Das Krankenhaus
könnte schließen, weil sich die Fallpauschalen nicht mehr rechnen, es nicht mehr „rentabel“ arbeite
und wird etwa in ein Alten- oder Pflegeheim umgewandelt. Im Ort verbleiben einige praktische
Ärzte und Gemeindeschwestern, die ggfs. nach Erlangen ins MVZ überweisen. Dort arbeiten
angestellte Ärzte wie einst in der Polikliniken der DDR ihre Fälle herunter und wenn die
Sprechzeiten um sind, müssen die Patienten eben am nächsten Tag wiederkommen. Also: Kein Arzt
des Vertrauens mehr und keine freie Arztwahl. Auch das ist bereits Realität für die sozial
Schwachen - in den von Prof. Lauterbach gelobten USA. Der dort wie hier propagierte „freie
Markt“ des „Wettbewerbs“ ist unmenschlich, weil er auf dem (monetären) Recht des Stärkeren
basiert. Zynisch gesagt: Wenn eine Arztpraxis schließen muß, dann hat sie den Tod verdient, weil
sie eben nicht marktgerecht gearbeitet hat – so einfach neoliberal ist das. Dr. Willauschus machte
auch deutlich, daß er sein Auskommen auch im Ausland finden werde. Leidtragende des Abbaus im
Gesundheitswesen seien die Patienten. Das sei nur dort noch nicht angekommen.
Prof. Lauterbach weiter: Die Kassen werden ihren Gewinn nicht mehr mit den Gesunden machen,
sondern mit den „Krankheitsepisoden“ derer, die eine der künftig gültigen 80 Krankheiten haben.
Also der Patient mit der teuren Krankheitsepisode bringt dann den Gewinn, wenn die Leistung
entsprechend kostengünstig erbracht werden kann,. Jeder, der nicht eine dieser 80 Krankheiten hat,
gilt als gesund und ist auch so versichert, bekommt also im Falle einer Erkrankung also nur einen
reduzierten Satz. Pech gehabt. Das gesamte Kostenrisiko wird so auf den Anbieter, also den
Facharzt, verlagert. Er muß eben entsprechend anbieten oder er geht unter.
Deutlich wurde den Anwesenden, daß dahinter das neoliberale Konzept der Politikberater von
Bertelsmann mit „Gesundheitsmonitor“ und privatisierten Kliniken steckt, denn diese decken dann
auch den ambulanten Bereich ab. Der Mensch wird durch ein reines Kosten-Nutzen-Kalkül jedoch
seiner Würde beraubt, denn Freiheit geht nicht ohne Gerechtigkeit. Darin waren sich die Besucher
einig. Zitiert wurde auch Norbert Blüm, der davor warnt, daß „Deregulierung, Wettbewerb und
Kostensenkung“ auf die „Zerstörung eines gemeinwohlorientierten Staates und seiner öffentlichen
Aufgaben“ hinauslaufen.
Prof. Lauterbach sieht die Niederlande als ein Vorbild an. Aus dem Publikum wurde darauf
hingewiesen, daß seit der Einführung der Euthanasie in Holland 1994 immer mehr alte Leute Angst
haben, zum Arzt oder ins Krankenhaus zu gehen. Tausende auch von älteren Menschen sind, so die
Deutsche Hospizstiftung, bislang unfreiwillig getötet worden – weil es sich nicht „mehr lohnt“.,
nicht mehr „rechnet“, weil sie dement sind.
Schon vergessen? Unsere Landesverfassung sieht vor, daß „selbständige Kleinbetriebe und
Mittelstandsbetriebe … gegen Überlastung und Aufsaugung zu schützen (sind). Sie sind in ihren
Bestrebungen, ihre wirtschaftliche Freiheit und Unabhängigkeit sowie ihre Entwicklung durch
genossenschaftliche Selbsthilfe zu sichern, vom Staat zu unterstützen“. Auch dadurch wurde klar,
daß die Politik gefordert ist, sich endlich wieder um unser aller Wohl statt das von Kapitalmärkten
und Rendite-Hedge-Fonds zu sorgen.